[Das ist der zweite Teil einer Artikelserie, den ersten findet ihr hier: https://www.patreon.com/posts/spielen-mit-1-76242389]
Im ersten Teil dieser Artikelserie habe ich erwähnt, dass die Lichtrichtung für mich das wichtigste Element bei der Arbeit mit Licht ist. Der Grund dafür ist, dass ungerichtetes Licht, das einen Raum völlig gleichmäßig beleuchtet, keine tiefen Schatten erlaubt. Für viele meiner Bilder sind Schatten aber essenziell, da sie die Dreidimensionalität des abgebildeten Körpers erzeugen.
Wenn ihr die Übung im ersten Teil dieser "Spielen mit Licht"-Serie mit einem Modell durchgeführt habt, habt ihr gesehen, wie dramatisch der Effekt von kleinen Bewegungen oder Drehungen des Modells sein kann, wenn das Licht kontrastreich und gerichtet ist.
Diesmal zeige ich euch (im PDF, das unten zum Download steht) einen Ausschnitt aus einem Shooting, das ich vor einigen Monaten in meiner Stammlocation hatte. Um dem Modell zu ermöglichen, den Effekt des Lichts besser einschätzen zu können, bat ich sie zuerst, die gleiche Position wie in der Übung im ersten Teil dieser Serie einzunehmen. Statt sich komplett zu drehen, sollte sie diesmal aber nur den Kopf drehen, während ich mehrere Fotos machte.
Nachdem ich gemeinsam mit ihr die Bilder durchgesehen habe, fanden wir die Position zwischen Bild A.1 und A.2 (in der ersten Serie im PDF) am schönsten. Als nächstes bat ich sie, diese Position einzunehmen und ihren Körper von dem Licht wegzudrehen, während die Haltung des Kopfes beibehalten werden sollte.
Aus dieser zweiten Bild-Serie gefiel uns die Drehung weit in den Raum hinein (also von dem Licht weggedreht, wie in Bild B.4 oder B.5) am besten.
Diese Kombination aus der Richtung des Kopfes (zum Licht hin) und des Körpers (teilweise vom Licht weggedreht) haben wir als Basis für die dritte Serie genommen, in der ich sie bat, näher an die Kamera zu treten. Dadurch traf immer weniger Licht auf ihren Körper, bis sie schließlich (bei Bild C.5) den Lichtkegel fast verlassen hatte. Hier finde ich sowohl die Bilder C.1 als auch C.4 sehr spannend.
In den obigen Serien seht ihr, dass das Licht, wie ich es für meine Fotografie verwende, mehrere unterschiedliche Aufgaben hat: Ich bevorzuge beispielsweise, dass das Gesicht meiner Modelle möglichst schön ausgeleuchtet ist. Dafür gilt für mich fast immer der Grundsatz der Drehung der "Stirn zum Licht" (und zwar ganz unabhängig davon, wo der Kamerastandpunkt ist!). Dadurch werden die Wangenknochen betont und es entsteht ein Bildeindruck, der für mich für die meisten Gesichtsformen sehr ästhetisch wirkt. (Natürlich muss die Position nicht 100% präzise sein ... das Modell hat schon eine Menge Spielraum, innerhalb dessen die Bilder zwar jeweils anders, aber durchwegs für mein Empfinden ästhetisch wirken).
Auf dem Körper des Modells wäre dieses Licht aber relativ langweilig, da keine Plastizität entsteht, wenn Licht frontal von vorne auf den Menschen trifft (Bild B.1). Erst durch die Drehung des Körpers weg vom Licht (während gleichzeitig die Stirn bzw. der Kopf des Modells weiterhin in Richtung der Lichtquelle zeigt), trifft dieses nicht mehr frontal auf, sondern wirkt auf dem Körper als Streiflicht. Dieses seitliche Licht betont die Figur unseres Modells, da es die Dreidimensionalität des Körpers auch auf einem zweidimensionalen Bild plastisch wirken lässt.
Und zu guter Letzt gibt das partielle Verlassen des Lichtkegels (wie in den Bildern C.1 bis C.5 gezeigt) die Möglichkeit, das Licht unterschiedlich dramatisch wirken zu lassen. Von mild und entspannt (Bild C.1) bis hin zu mysteriös und dramatisch (Bild C.5).
Im nächsten Beitrag in dieser Serie zeige ich euch, wie die Bildwirkung vieler meiner Fotos auf Basis dieses einfachen Licht-Setups und einer flexiblen Kameraposition entsteht.
Seht euch danach die Bilder an, reflektiert darüber und findet heraus, welche ihr selbst schön findet und welche weniger schön. Vor allem: welche Lichtrichtung passt für den konkreten Menschen, der vor der Kamera steht, am besten? Woher sollte das Licht für das Gesicht kommen? Wie betont ihr den Körper am besten?