SamuZai
StarcatStoriesAndGames
StarcatStoriesAndGames

patreon


Versteckspiel im Grabhügelhaus

Es ist Halloween und ich läute das Fest der Masken mit einer Kurzgeschichte ein. Viel Spaß! (Lesedauer ca. 21 Minuten)
~ ~ ~

Eliot Henson erreicht die Tür am Ende des Flurs im ersten Stock. Er hat Schritte gehört, aber niemanden gesehen.
Ein Bügel seiner Brille ist mit Klebeband geflickt, Regentropfen bedecken die Gläser. Seine graue Stoffhose ist ihm zu kurz, der grüne Pullover zu lang, noch dazu mit Erde besprenkelt. Der Türknauf lässt sich nicht drehen, die Tür sich nicht öffnen.
Das Haus riecht wie ein Antiquitätenladen oder ein sich selbst überlassener Dachboden mit einem Hauch von Mottenkugeln. Langsam setzt Eliot einen Fuß vor den anderen bis zur Ecke und sieht sich aus den Augenwinkeln heraus um.
Ihm schlägt das Herz bis in die Fingerspitzen.
Bauchige Wandlampen ergießen ihr schummriges Licht über den verwinkelten Flur. Erhabene Gesichter bedeutend aussehender Persönlichkeiten blicken von ihren Gemälden auf ihn nieder. Die Dielen unter seinen Sohlen knarren.
Hinter sich hört er ein Murmeln, dann Babylachen, während draußen der Wind aufheult. Wie in einem alten Horrorfilm geht das Licht aus und Orgelmusik setzt ein.
Eliot bekommt eine Gänsehaut, er biegt um die Ecke und steht mit dem Rücken zur Wand. Seine Brust hebt und senkt sich. Ein Schatten nähert sich mit schlurfenden Schritten.
»Einer wie wir«, sagt eine helle Stimme. Der Schatten eines von Tentakeln umgebenem Gesichts fällt auf die violette Fleur-de-Lis Tapete. Eliot presst sich an die Wand, als hoffe er, hindurch verschwinden zu können.
Plötzlich lugt ein Mädchen um die Ecke. Sie grinst, den Kopf bis zum Anschlag zur Seite gedreht blickt sie ihn mit großen Augen an. »Na, bist du einer wie wir?«
Rote Strähnen durchziehen ihre weiße Zottelfrisur. Also doch keine Tentakel. Ihr Gesicht erinnert aus der Nähe, mit schwarzem Lidschatten und Lippenstift geschminkt an einen Totenschädel.
Ihr Shirt ist zu groß und hängt weit über eine Schulter. Löchrige Netzstrümpfe bedecken wie Spinnennetze ihre Beine unter dem kurzen ausgefransten Jeansrock. Eine Patchouli-Wolke umgibt sie.
Sie legt einen Zeigefinger an die Lippen, schnappt nach dem violett lackierten Fingernagel und sieht Eliot prüfend an. »Aber natürlich. Die käsige Haut, die moderigen Klamotten, die hängenden Schultern. Das da.«
Sie deutet auf sein krauses Haar, das wie eine tote Ratte in seiner Stirn klebt. »Siehst aus wie ein Zombie. Was würdest du auch sonst hier tun, hab ich recht?«
»Ich kann nichts dafür«, sagt er. »Ich bin Eliot.«
Sie starrt seine zitternde, ausgestreckte Hand an und blickt mit verdrehten Augen zu einem der Gemälde auf. Der alte Mann darauf scheint ihren Blick zu erwidern.
»Lilith«, sagt sie knapp.
Schritte tapsen über den Flur, irgendwo lacht ein Baby.
»Argh! Hazel der kleine Schlitzer hält mich heute echt auf Trab!«, schnauft sie und rauft sich durchs Haar.
»Ohne sein Lieblingsmesser ist er der reinste Quälgeist. Sehr zum Leidwesen seiner Stofftiere. Langsam muss er sich umgewöhnen, er kann nicht alles aufschlitzen. Das gehört sich einfach nicht«, sagt Lilith.
»Ähm«, macht Eliot.
Sie greift an ihm vorbei und öffnet die störrische Tür.
»Ich muss zurück zu Hazel. Bleib, wo du bist. Es ist unklug hier alleine herumzustromern. Du willst doch keine Fallen auslösen, oder?«
»Fallen?!«, wiederholt Eliot und weicht in den Raum zurück.
»Niemand darf wissen, dass du hier bist«, sagt sie.
»Bin ich gewohnt«, seufzt er.
»Prima!« Lilith lässt ihn stehen und schlägt die Tür zu. Ihre Schritte hallen über den Flur und entfernen sich.
Eliot steht im Studierzimmer. Er rüttelt am Türknauf, doch die Tür rührt sich nicht mehr.
Bücherregale nehmen eine Längsseite des Raums ein. Im Kamin zu seiner Rechten heult der Wind, die Sprossen-Glastür führt auf einen Balkon, draußen peitscht Regen unerbittlich gegen die Scheiben. In einer Schreckensvision hört Eliot das Glas knirschen und zuckt zusammen. Er malt sich aus, wie der Schlag einer enormen Geisterfaust die Glastür nach innen zerbersten lässt, ihn mit Splittern übersät und schwer verletzt gegen die Bücherwand schleudert. Doch nichts geschieht.
Ein Heulen lenkt seine Aufmerksamkeit auf den erloschenen Kamin, auf dessen Sims ein Briefbeschwerer steht. Unter einer Glasglocke befindet sich in einer Halterung aus Messing ein Computerchip. Eliot nimmt den Chip behutsam in die Hand und betrachtet grübelnd die Kennziffern darauf. Ein vertrautes Element an diesem schrägen Ort.
Wie jeder vierzehnjährige Junge mag Eliot den gelegentlichen Gruselschauer, der ihm über den Rücken jagt, aber wo ist er hier bloß hineingeraten?

Lange hatte Eliot versucht, seine Eltern davon zu überzeugen ihn in den Sommerferien ins Wacky Fun Camp gehen zu lassen, denn er wollte unbedingt in den daran angeschlossenen Freizeitpark.
Wacky Fun Land war ohne Begleitung eines Erziehungsberechtigten erst ab zwölf Jahren freigegeben und hatte die höchste Dichte schaurig-schöner Attraktionen im ganzen Land. Das Kettensägen-Heckenlabyrinth zum Beispiel oder den Wald ohne Wiederkehr. Die Mädchen zog vor allem der Liebesschleimsee an, dessen rosafarbenes Wasser es in kleinen Phiolen als Liebestrank zu kaufen gab.
Jeden Morgen studierte Eliot die Verpackung seiner Furcht-Loops, tapezierte seinen Kleiderschrank mit über dreißig Kartonrückseiten und kannte durch das darauf abgedruckte Spiel jeden Winkel und jede Verzweigung des Parkplans auswendig. Dabei stellte er sich vor, die Verwunschene Allee mit ihren schrägen Attraktionen entlangzuschlendern und da er alleine spielte, durfte er so oft würfeln, wie er wollte.
Einmal war eine winzige Voodoo-Puppe als Gimmick in der Packung enthalten. Seine zerlesene Wacky Fun Land-Broschüre hatte ihn gelehrt, damit umzugehen. Es genügte, bei Vollmond eine Haarsträhne um den Hals der Puppe zu wickeln und ihr dann bei voller Konzentration einen Gedanken zuzuflüstern, um die Zielperson zu beeinflussen.
Zwar glaubte Eliot nicht wirklich an Voodoo, doch die Wirkung unterschwelliger Botschaften war wissenschaftlich belegt und funktionierte schließlich auch in der Werbung. Außerdem gingen ihm die Ideen aus. Er hatte bereits dutzende Für-und-Wider-Listen und Aufsätze geschrieben, um seine Eltern davon zu überzeugen, dass ein Besuch im Park das Schlüsselereignis seiner dahinschwindenden Kindheit wäre.
Seine Eltern hielten nichts von dem morbiden Humor der Comics und Samstagmorgen-Zeichentrickserien ihres Sohnes, waren aber zu selten daheim, um es ihm verbieten zu können.
Als Investmentbankerin nahm seine Mutter ständig an wichtigen Geschäftsessen teil, weshalb sie häufig spät nach Hause kam. Was sein Vater beruflich machte, hatte Eliot nie verstanden. Bloß, dass er viel reiste und nie ohne Anzug und Aktentasche das Haus verließ.
Da der nächste Vollmond bevorstand und Eliot sich bereits eine Haarsträhne seiner Mutter aus der Bürste von ihrem Schminktisch besorgt hatte, beschloss er, die Sache mit der Puppe auf einen Versuch ankommen zu lassen.
Er setzte sich auf seinen Schreibtisch am Fenster, winkelte die Beine an und flüsterte mit geschlossenen Augen so lange der Puppe seinen Wunsch zu, bis ihn der Schrei einer Eule aufschrecken ließ. Wie er so dasaß, mit der Puppe in der Hand wurde es ihm zu gruselig, um noch einmal von vorne zu beginnen. Es musste also genügen.
Am nächsten Morgen sprachen seine Eltern plötzlich von Palm Springs und dem Urlaub, den sie dringend brauchten. Sie würden ihn ja mitnehmen, erklärte sein Vater, aber sie seien auf ein Sonderangebot gestoßen und er habe dann noch zwei Tage Schule. Außerdem wolle er doch so gerne in dieses Ferienlager Happy Camp, fiel seiner Mutter ein, wo war das doch gleich?
»Wacky Fun Camp«, korrigierte Eliot.
»Genau das«, meinte seine Mutter, während sein Vater bereits einen schweren Koffer zum Wagen hievte. Man könne sich doch darauf verlassen, dass er in der Zwischenzeit nichts anstelle, pflichtbewusst zur Schule gehe und das Haus bei ihrer Rückkehr noch stünde? Immerhin sei er vierzehn und somit ein verantwortungsvoller Teenager.
Eliot eilte in sein Zimmer und holte die Anmeldungsunterlagen. Seine Mutter unterzeichnete geistesabwesend ohne einen zweiten Blick darauf zu werfen.

Der Tag seiner Abreise war ein schwüler Samstag. Um 8 Uhr ging es bereits los, doch Eliot war gerne bereit auf seine Cartoons zu verzichten, immerhin erwartete ihn nicht nur das Camp, sondern der Freizeitpark seiner Träume.
Mit schnaufenden Bremsen und einer großen Staubwolke kam der Bus zum Stillstand. Ein schwitzender Busfahrer winkte ihn mürrisch herein und bedeutete ihm, seine Tasche auf die Gepäckablage über den Sitzen zu legen. Aber flott, sie hätten nicht den ganzen Tag Zeit.
Würde er ja gerne, rief Eliot durch das Stimmgewirr, das keinen Moment abschwächte, aber wie die meisten Sitzplätze waren auch die Gepäckablagen vollgestopft. Der Fahrer wies ihm einen Platz zu. Eliot musste über eine unförmige Reisetasche steigen, die den rechten Sitz blockierte.
»Rühr mein Zeug an und ich bring dich um«, zischte ein fetter Junge hinter ihm.
Eliot erklärte, das habe er nicht vor und zwängte sich mit seinem Gepäck auf dem Schoß auf den Fensterplatz, obwohl ihm so leicht übel wurde. Holpernd setzte der Bus sich in Bewegung.
Bald holte der rothaarige Junge hinter ihm ein riesiges Sandwich mit ominösem Belag hervor und futterte schmatzend, dann furzte er und fächelte den Gestank nach vorne zu Eliot.
Um sich die Zeit zu vertreiben, trampelte er gegen Eliots Rückenlehne und brüllte: »Erdbeben!«, oder auch: »Nachbeben!«
An Ruhe war nicht zu denken, nicht einmal mit Ohrstöpseln, auch an Schlaf nicht. Die Busfahrt wurde zu einer dreistündigen Tortur, im Rückblick erkannte Eliot sie als erstes böses Omen.
Sein einziger Trost war der Zauber des Wacky Fun Land. Er hatte zu lange darauf gewartet, um sich durch ein paar Strapazen entmutigen zu lassen.
Nach einer furchtbar öden Einführungsveranstaltung, in der er der Wacky Beaver-Gruppe zugewiesen wurde und ihnen das Camp gezeigt und die Regeln erläutert wurden, erfuhr er, dass er sich noch etwas auf den Park gedulden musste.
Zuerst sollte sich die Gruppe kennenlernen, immerhin sei man für die nächsten drei Wochen nicht bloß beste Freunde, sondern so etwas wie eine Familie. Später könne man immer noch alleine herumstromern.
Seine Betreuerin war die siebzehnjährige Sandy. Blond mit Sonnenbrille, Tanktop und Haarsprayfrisur. Pausenlos kaute sie Kaugummi und ließ die Blasen in den unpassendsten Momenten so laut platzen, dass Eliot jedes Mal aufschreckte.
Sie zeigte ihnen die Betreuerhütte am See, für die galt: kein Zutritt außerhalb der zweistündigen Sprechzeiten am Mittag. Bis 18 Uhr konnte man sich den Tag einteilen, an verschiedenen Camp-Aktivitäten teilnehmen oder den Freizeitpark besuchen.
»Das Zusatzticket nicht vergessen!«, sagte Sandy mit erhobenem Zeigefinger.
»Wann bekommen wir denn das Ticket?«, fragte Eliot.
»Du hast es mit der Camp-Bestätigung zugeschickt bekommen, Dummerchen.«
»Nein, hab ich nicht«, erwiderte Eliot und das letzte bisschen Farbe wich aus seinem Gesicht.
Sandy schickte die anderen Camper zur Futterhütte vor, denn es war fast Mittag und beugte sich zu Eliot herunter.
»Kein Ticket, hmm?« Mitleidig verzog sie das Gesicht und tätschelte ihm die Schulter. »Mach dir nichts draus, wer braucht schon den Park? Unser Camp ist fun-fantastisch!«
Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf, ließ Eliot stehen und folgte ihrer Gruppe in die große Blockhütte mit dem gekreuzten Besteck auf dem Schild.
Ohne aufzublicken setzte Eliot sich an einen beliebigen Platz in der Futterhütte und leerte seinen Teller ohne etwas von den Würstchen, dem Gemüse oder dem Kartoffelpüree zu schmecken. Seine Eltern hatten vergessen, das Zusatzticket auf der Anmeldung anzukreuzen. Vor ihm lagen drei lange Wochen und er hatte noch nicht mal seine Sachen ausgepackt.
Auf dem Weg zur Schlafhütte fühlte er sich, als habe ihm jemand einen Knüppel über den Kopf gezogen.
Drinnen erwarteten ihn drei fremde Jungs, darunter auch der Fette aus dem Bus in der Latzhose mit dem rot-weiß gestreiften Pullover. Er hatte die untere Koje des Hochbetts in Beschlag genommen, trat gegen die obere Matratze und musterte ihn herausfordernd.
Eliots Blick fiel auf das Namensschild, auf dem in krakeligen Buchstaben BUTCH stand. Der aufgedruckte Name war durchkreuzt, aber noch zu entziffern. »Burchhard Sludgefield.«
Der Fette musterte ihn finster und ließ die Faust in seine Handfläche knallen. »Nur Butch! Und du«, er las langsam, »Ediot – ha! Idiot!«.
Eliot warf einen prüfenden Blick auf sein eigenes Namensschild und korrigierte ihn.
»Siehst aus wie’n Zombie!«
Butch drehte sich von ihm weg, griff sich an den Hintern und ließ erneut einen fahren. »Riechst auch so!«
»Ich will in mein Bett«, sagte Eliot.
»Ist’n freies Land«, erwiderte Butch, trat gegen die Leiter und verfehlte um Haaresbreite Eliots Finger.
Eliot verließ die Hütte und baute draußen sein Zelt auf, das eigentlich bloß für den Zeltabend mit Lagerfeuer vorgesehen war, aber er kannte Typen wie Butch zur Genüge und ging ihnen lieber aus dem Weg.
Bereits die erste Nacht kam ihm endlos vor. Windböen ließen das wackelige Gestänge erzittern. Kaum hatte der Wind nachgelassen, surrten Insekten um das Zelt und warfen im Licht der Hütte gruselige Schatten. Die Luft war schwül, der Boden kalt und hart.

Drei Tage darauf hatte Eliot Geburtstag und er schwor sich, niemandem davon zu erzählen. Im Mittelpunkt zu stehen war etwas für die Beliebten.
Ob er nun wollte oder nicht, Sandy wusste von seinem Geburtstag aus ihren Unterlagen und rief beim Frühstück die ganze Futterhütte dazu auf, für ihn »Happy Birthday« zu singen. Am liebsten wäre er im Erdboden versunken, doch Sandy hatte noch eine weitere Überraschung auf Lager: Das Wacky-Geburtstagsquiz, in dem es um den Freizeitpark ging. Eliot beantwortete jede Frage, kaum dass Sandy sie ausgesprochen hatte und gewann, er konnte sein Glück kaum fassen, seine Eintrittskarte für das Wacky Fun Land.
Er war so überwältigt, dass er kaum wahrnahm, wie Sandy ihn zur Feier des Tages drückte und alle johlten. Zum Nachtisch gab es eine große Schokoladentorte. Plötzlich war er umgeben von fremden Kindern, die ihm gratulierten und nicht ganz uneigennützig ihre Teller bereithielten, um ein Stück Torte abzubekommen.

Zurück in seinem Zelt stellte Eliot fest, dass seine Reisetasche verschwunden war. An ihrer Stelle befand sich ein schmieriger Handabdruck auf dem Boden. Er schlich sich in die leere Schlafhütte und fand seine Tasche auf Butchs Etagenbett. Er schnappte sie sich, drehte sich um und blickte in die fiesen Schweineäuglein des Schlägers.
Die Blinklichter in Eliots Turnschuhen flackerten auf und signalisierten Ausweglosigkeit. Butch hatte ihn in die Ecke getrieben und ließ die Faust in seine klebrige Handfläche knallen.
»Her mit dem Ticket, Zombie!«, schnaufte Butch und riss ihn mit einem Knuff aus seiner Schreckstarre.
Eliot umklammerte sein Gepäck. Aus der Innentasche seiner Jacke lugte ein Zipfel der Eintrittskarte heraus. Kampflos würde er sie nicht hergeben. Er hatte viel einstecken müssen und oft nachgegeben, wie es der Klügere laut dem Sprichwort tat. Doch was kam nach dem Nachgeben?
Ein kräftiger Hieb traf ihn in die Magengrube, er schnappte nach Luft und klappte zusammen. Butch verschwand lachend mit seinem Preis.

In der Nacht lag Eliot schlaflos und frierend in seinem Zelt, außerdem konnte er nicht aufhören sich zu kratzen. Butch hatte die Sachen in seiner Tasche, darunter seinen Pyjama, mit Juckpulver eingerieben. Draußen heulte der Wind und es regnete Bindfäden. Lautlose Blitze zuckten am Himmel.
Es war kurz nach Mitternacht, als er zu allem Überfluss durch den Nieselregen zum Toilettenhäuschen am Rande des Camps schlurfen musste, um sich zu erleichtern. Butch hätte wohl einfach wie ein Hund an die Hütte oder einen Baum gepinkelt und gerade deshalb konnte Eliot sich nicht dazu herablassen.
Eine schwarze Katze mit weißem Köpfchen saß auf dem Trampelpfad zurück zu seinem Zelt und blickte eine kleine Ewigkeit zu ihm auf, anscheinend unbeeindruckt vom Regen. Eliot streckte die Hand aus, doch bevor er die Katze berühren konnte, flitzte sie in Richtung des Bretterzauns zu seiner Linken davon. Eliot folgte ihr und entdeckte hinter dem Klohäuschen ein loses Brett im Zaun. Es ließ sich an einem einzigen Nagel zur Seite drehen. Er zwängte sich durch die schmale Öffnung.
Auf der anderen Seite kam es ihm vor, als hätte er eine andere Welt betreten. Eine Gasse aus bemalten Holzfassaden führte ihn geradewegs auf die verwunschene Allee des nächtlichen Wacky Fun Land.
Die feuchte Luft duftete nach Popcorn. Die geschlossenen Attraktionen warfen groteske Schatten im Mondlicht. Trotz des abscheulichen Wetters und bleierner Erschöpfung konnte er sich an diesem Ort dunkler Wunder nicht sattsehen.
Aus dem nächsten Mülleimer fischte Eliot sich einen Flyer heraus, hielt ihn gegen den aufbrausenden Regen über seinen Kopf und folgte dem Weg auf der Suche nach Unterschlupf.
Zuerst überlegte Eliot, vorbei am Wald ohne Wiederkehr in Richtung des Zelts der Freakshow zu gehen, das umgeben von bunten Zirkuswagen auf einer Lichtung stand. Das rot-weiße Segeltuch des Zirkuszelts zitterte im Wind. Weiter rechts zeichnete sich dunkel und verlassen das unberechenbare Riesenrad ab.
Eliot blieb vor einem hohen Gartenzaun stehen, durch den sich verwilderte Dornenhecken rankten. Im ersten Stock des Geisterhauses brannte noch Licht. Ob jemand es vergessen hatte?
Rapprowe Manor, das viktorianische Herrenhaus auf dem Grabhügel galt als Geheimtipp unter Gruselfans und ragte in dunklen Blau- und Violetttönen in den Nachthimmel.
Eliot fand das schmiedeeiserne Tor zum Grundstück offen vor und folgte dem geschlängelten Weg aus brüchigem Kopfsteinpflaster durch einen verwilderten Garten bis zur Veranda. Dort blieb er unter dem Vordach stehen und wartete darauf, dass der Regen nachließ.
Ein stotterndes Knarren ließ ihn zusammenzucken, hinter ihm hatte sich die Eingangstür einen Spaltbreit geöffnet. Offenbar war die Attraktion noch in Betrieb. Er ging hinein.
»Hallo?! Ist da wer?« In der Eingangshalle kam er sich klein und unbedeutend vor. Gemälde in goldenen Rahmen unter staubigen Spinnweben zierten die Wände. Ein großer Orientteppich bedeckte die schwarz-weißen Marmorfliesen. Durch hohe Fenster fiel kühles Mondlicht in die Eingangshalle, von der sich eine trapezförmige Treppe in den ersten Stock wuchtete.
Vom oberen Flur waren eilige Schritte zu hören.
»Warte«, rief er und lief die Treppe hinauf, doch oben war niemand zu sehen.
Der verwinkelte Flur war von bauchigen Wandlampen beleuchtet, bedeutend aussehende Persönlichkeiten blickten von ihren Gemälden auf ihn nieder. Die Dielen unter seinen Füßen knarrten.
Hinter sich hörte er ein Murmeln, dann Babylachen, während draußen der Wind aufheulte. Wie in einem alten Horrorfilm ging das Licht aus und Orgelmusik setzte ein.
Eliot bekam eine Gänsehaut, bog um die Ecke und stand mit dem Rücken zur Wand. In der Falle, dachte er.
Ein Schatten näherte sich mit schlurfenden Schritten. »Einer wie wir.«

Die Tür zum Studierzimmer öffnet sich. Eliot schnellt herum und lässt den Mikrochip in seinem Ärmel verschwinden.
Lilith ist zurückgekehrt und schiebt ihn auf die rote Couch im Zentrum des Raums. Auf den Tisch vor ihnen stellt sie eine Schale mit Gebäck. Seine Hand erstarrt in der Luft.
»Madenkekse«, sagt Lilith strahlend. »So knusprig!«
»Ist ja widerlich!«, platzt es ihm heraus.
»Ja, oder?«, erwidert sie fröhlich und stopft sich eine Handvoll in den Mund. »Nimm! Sorgt für ein gesundes Grün im Gesicht.«
»Ähm, vielleicht später.« Er würgt.
Sie schlägt die Beine übereinander und deutet auf das Gemälde über dem Kamin. Roderick Rapprowe. Die Gesichtszüge des Mannes sind die eines Raubvogels: Hakennase, zotteliges schwarzes Haar. Unter den buschigen Augenbrauen durchbohrt sein finsterer Blick den Betrachter.
»Dad ist gerade auf der Suche nach neuem Rohmaterial für seine Experimente. Du weißt schon.« Sie spielt mit einer Haarsträhne. »Wir müssen clever sein, um ihn zu überzeugen, dass du bleiben darfst. Und du willst nicht, dass Vincent dich vorher findet. Der hat einen seltsamen Sinn für Humor.«
Mit einem Krachen fliegt die Haustür auf und schwingt knarrend nach. Lilith wirft Eliot einen überraschten Blick zu und eilt aus dem Studierzimmer, um nachzusehen. Er folgt ihr den Flur entlang.
Blitze zucken am Himmel und erhellen die Eingangshalle. Ein klumpiger Schatten fällt auf das Schachbrettmuster der Marmorfliesen.
»Hey, Zombiegesicht! Komm raus du Schisser!«
Außer Sichtweite am oberen Ende der Treppe zerrt Eliot Lilith zu sich.
»Das ist Butch! Der macht uns fertig!«, keucht er.
Es ist nur eine Frage der Zeit gewesen. Eliot hatte gehofft, sein Tyrann würde aus Angst einen Bogen um das Grabhügelhaus machen, doch Angst erfordert zumindest einen Funken Vorstellungskraft und Butch ist offenbar immun dagegen.
»Das Spiel beginnt«, sagt Lilith und bevor Eliot etwas erwidern kann, schleicht sie sich nach unten. Totenstill steht sie da und betrachtet den fetten Jungen in der Latzhose mit schiefgelegtem Kopf.
Zuerst bemerkt er sie gar nicht, dann starrt er sie verwirrt an, als sei sie einem der Gemälde entstiegen.
»Hey du! Wo steckt das Vierauge?«
»Casimir? Oh, von dem würde ich fern bleiben, es sei denn du hast nichts dagegen ihm ein fünftes Auge zu überlassen. Der meint, man kann nie genug sehen.«
Butch glotzt verwirrt und stampft auf. »Ich meine die Brillenschlange. Hol ihn her, sofort!«
»Ah, den. Du missverstehst mich. Hab ich je behauptet, auf Seite des Milchtoasts zu sein?« Sie wirft Butch ein verschwörerisches Lächeln zu.
Er lacht müde und zückt ein speckiges Springmesser. »Bring ihn her!«
Liliths Augen weiten sich. »Wo hast du nur dieses tolle Messer her?«
Plötzlich liegt es in ihrer Hand und Butch starrt ungläubig in seine Leere. »Was zum? Her damit!«
Er greift danach, doch sie ist schneller. Prüfend streicht sie über die Klinge und lässt es von einer Hand in die andere wandern. Butch stößt sie grob zu Boden und nimmt sie in den Schwitzkasten.
Eliot presst sich oben am Ende der Treppe gegen die Wand und kann nichts tun, ohne sein Versteck zu verraten. Wenn es sein muss, wird er vortreten und sich ergeben, andererseits war Liliths Mut umsonst.
»Hui! Nicht so stürmisch«, keucht sie mit einem Lachen in Butchs Griff. »Wir kennen uns doch kaum.«
Atemnot und Achselgestank scheinen ihr nichts auszumachen.
»Was stimmt nicht mit dir?«, schnauft Butch mit vor Anstrengung hochrotem Kopf.
»Puh, wo soll ich anfangen?«, fragt Lilith. »Es ist so schwierig, einen guten Seelenklempner zu finden, der nicht gleich kreischend davonläuft.«
Von draußen nähert sich das Knattern eines frisierten Mopeds.
»Okay, genug«, sagt Lilith.
»Hä?«, macht Butch und lauscht dem Geräusch.
»Lass los!« Lilith tritt ihm gegen das Schienbein, er brüllt auf und lockert seinen Griff, um die schmerzende Stelle zu reiben.
Das Mädchen ist verschwunden. »Zicke!«
Gleich darauf steht Lilith wieder neben Eliot und nimmt ihn bei der Hand. Gemälde rauschen an ihnen vorbei. Sie zieht an einem Wandleuchter, woraufhin sich eine Geheimtür in der Tapete öffnet und hinter ihnen wieder schließt. Eliot erkennt die Hand vor Augen nicht, so dunkel ist es. Er stößt sich an Holzbalken, Spinnenweben streichen durch sein Gesicht.
Das stotternde Knarren der Eingangstür ist zu hören, gefolgt von leiernder Musik.
Endlich bleiben sie stehen. Lilith stellt sich auf Zehenspitzen, Eliot tut es ihr gleich und sie blicken durch Gemäldeaugen in die Halle herab.
»Garstige Ghule!«, zischt sie. »Da ist Vincent.«
Ein Heranwachsender in Lederjacke und Jeans, mit zurückgekämmten Haaren und Sonnenbrille. Auf Hüfthöhe hält er einen alten Ghettoblaster, der die letzte Passage des »Timewarp« spielt.
»Ein Gast. Haben wir uns etwa verirrt?« Vincents Schuhe klackern über die Fliesen.
»Verzieh dich, Lackaffe!«, blafft Butch bonbonkauend und lässt seine Faust in die Handfläche knallen. »Hab zu tun.«
Dann als fiele es ihm gerade ein, fragt er: »Die Grufti-Zicke hat mein Springmesser. Haste sie gesehen?«
»Messer, hmm? Erlaube mir, dir etwas zu zeigen«, sagt Vincent und legt einen Arm um Butch, der es missbilligend geschehen lässt, bevor die beiden aus dem Sichtfeld verschwinden. Ihre Schritte entfernen sich. Kurz darauf ist aus einem anderen Teil des Hauses ein Rattern zu hören.
»Nein, nein!«, zischt Lilith. »Vincents Waffenkammer – und er kennt jeden Winkel des Hauses.«
Eliot starrt sie an.
»Uns bleibt nur ein Versteck. Dads Labor! Mein Bruderherz wird es nicht wagen. Da darf niemand rein«, sagt sie.
»Und wir gehen trotzdem?«
Lilith packt Eliot am Handgelenk und eilt los. Sie brausen hinter den Wänden entlang, springen über einen tiefen Schacht und rutschen eine Rohrleitung hinab. Keuchend kommen sie vor einer nietenbesetzten Metalltür zum Stillstand.
»Für einen Zombie bist du gar nicht so langsam«, sagt Lilith und streicht sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht.
Sie zieht den Riegel zurück, die Tür öffnet sich quietschend und sie geht voraus.
Augenblicklich erwacht ein Generator heulend zum Leben und einzelne Glühbirnen unter der Decke glimmen auf.
Die Tür fällt hinter ihnen zu. Eliot hält den Atem an.
Regale mit staubigen Glasgefäßen reichen vom welligen Steinboden bis an die Deckenbalken. In der Mitte der Kammer steht eine rustikale Werkbank mit einem Arsenal, von dem er nicht sagen kann, ob es sich um Foltergeräte oder uralte Werkzeuge handelt. Oder beides.
Er erkennt die Kettensäge und den Schneidbrenner, gleich neben einer speckigen Lederschürze, die aus unförmigen Stücken zusammengenäht ist. Unter einem schmalen Kellerfenster hängt ein verschmierter Kittel.
»Das Materiallager«, sagt Lilith, die seinem Blick gefolgt ist und deutet an der Treppe vorbei, hinter die Regalreihen.
Unter einer alten Trockenhaube sitzt eine kopflose Schaufensterpuppe mit mechanischem Arm in einem Sessel. In einer Ecke stehen ausgestopfte Tiere, die offensichtlich überfahren wurden.
Den hinteren Teil des Raumes belegt ein riesiger Verbrennungsofen.
Draußen knallt eine Autotür, Lilith erschrickt. »Das ist Dad! Rühr dich nicht vom Fleck und fass ja nichts an!«
Sie eilt die Treppe hinauf und ist verschwunden.
»Hatte ich nicht vor.« Eliot sieht sich unbehaglich um. Hier unten im Keller ist es kalt wie in einer Gruft.
Der blanke Totenschädel eines Androiden starrt Eliot an. In den erloschenen Augen liegt eine tiefe Traurigkeit, er konnte noch nie an einem defekten Gerät vorübergehen. In der Stirn befindet sich eine Öffnung, die den Blick auf Leiterplatten und einen leeren Sockel freigibt.
Eliot fällt der Chip aus dem Studierzimmer ein. Er holt ihn hervor, setzt ihn behutsam in den Stirnsockel ein und legt mit dem Fingernagel eine Reihe winziger Schalter um. Ein rotes Auge glimmt auf, eine blecherne Stimme brummt: »Wer bist du?«
»Eliot«, sagt er. Hinter sich hört er Schmatzen und das Rascheln von Süßigkeitenpapier.
»Hast wohl gedacht, du kämst davon«, sagt Butch und lässt einen Knüppel in seine schokobeschmierte Handfläche knallen. »Falsch gedacht.«
Der fette rothaarige Junge hat Eliot vom ersten Moment an nur Ärger bereitet.
»Lauf!«, ruft Butch. Eliots Gedanken überschlagen sich. Er hastet in Richtung Treppe, stolpert über einen alten Fernseher und stürzt zu Boden.
»Ha ha ha«, macht der Schädel. Butch streckt ihm die Zunge heraus und fegt ihn mit einem Hieb des Schlägers beiseite. »Halloweenramsch!«
Polternd landet der Kopf vor Eliots Füßen. »Energie erschöpft«, sagt das sterbende Tonband. Sein Blick fällt auf den Körper im Sessel.
»Du hast drei Sekunden!«, brüllt Butch und schwingt den Schläger.
»Reicht mir!« Eliot greift zu, hechtet zum Sessel, setzt den Schädel mit einem Schnalzen auf den Körper und reißt die Trockenhaube herunter. Elektrizität knistert, Funken sprühen in einer Rauchwolke zur Decke.
Eliot kauert sich zusammen. Über ihm steht Butch und holt aus. Die Augen des Schädels erwachen erneut. Der Roboterarm bäumt sich auf und schleudert Butch gegen einen rostigen Käfig. Das pelzige Etwas darin kreischt auf und verbeißt sich in Butchs Hintern. Sein Besitzer brüllt und kracht in blinder Wut gegen das Regal. Gläser mit Organen fallen herunter und zerbrechen, Lösungsmitteldämpfe füllen die Luft.
Ein Gefäß erwischt Butch am Kopf, er sackt bewusstlos in einer schleimigen Pfütze am Boden zusammen.
»Eliot«, ruft Lilith und zwängt sich durchs Kellerfenster. »Du solltest doch nichts anfassen!«
Ihr Blick schweift über das Chaos aus Scherben und Präparaten. Sie hockt sich vor den Käfig und beruhigt das schreiende Werschweinchen darin. Als es endlich Ruhe gibt, fällt ihr Blick auf den bewusstlosen Butch.
»Der nicht auch noch. Schnell hilf mir!« Gemeinsam stopfen sie den fetten Jungen in einen zweiten Käfig und werfen ein Laken darüber.

Gleich darauf wird die Kellertür aufgerissen, ein kantiger Schatten schirmt das einfallende Licht ab.
»Wir haben einen Eindringling«, singt Vincent und gestikuliert theatralisch, »Lilith hat ihn im Labor versteckt!«
Eliots Knie werden weich. Alles in ihm zieht sich zusammen, sogar sein Schädel drückt beengt auf seinen Verstand, in dem nur noch für ein Gedanke Platz ist: Verstecken!
Sein Blick fällt auf einen merkwürdigen Schrank.
»Warte, bleib hier!«, ruft Lilith, bekommt ihn aber nicht mehr zu fassen. »Nicht da rein!«
Das Schloss schnappt zu, messerscharfe Dornen sind nur Millimeter davon entfernt ihn zu durchbohren. Er wagt es kaum, zu atmen, zum ersten Mal aber weiß er seine schlaksige Gestalt zu schätzen. Durch schmale Augenschlitze kann er das Geschehen verfolgen.
»Lilith-Aurora, du kennst die Regeln!«, dröhnt die Stimme des Hünen mit den Raubvogelaugen, Roderick Rapprowe.
Vincent baut sich mit verschränkten Armen neben seinem Vater auf.
»Verräter«, zischt sie dem Bruder zu. Vincent wendet sich empört an seinen Vater, der bloß in Richtung Treppe weißt. »Wir unterhalten uns später.«
Widerwillig schlurft Vincent davon.
»Ach, Daddy«, sagt Lilith und stellt ihren ergreifendsten Hundeblick zur Schau.
»Du kennst die Regeln. Niemand betritt mein Laboratorium. Sieh dir nur diese Unordnung an.«
Ein paar Augen aus den zerbrochenen Gläsern kullern wie Billardkugeln umher und glotzen vorwurfsvoll zu ihr auf.
»Du holst diesen Jungen jetzt sofort aus der eisernen Jungfrau, während ich mir eine angemessene Strafe ausdenke.«
Lilith löst den Verschluss der eisernen Jungfrau und hilft ihm heraus. Eliot ist bleich wie ein Gespenst, aber unversehrt.
Sie sieht ihn schuldbewusst an. »Du hast meinen Vater gehört? Da müssen wir wohl durch. Wir werden nicht dran sterben. Nicht noch mal.« Sie grinst.
Eliot weicht zurück gegen die Wand. »Du verstehst nicht, ich bin nicht wie ihr! Kein Zombie, kein Vampir – was auch immer!«
»Du meinst –«, sie hebt skeptisch eine Augenbraue.
»Ich bin ganz normal! Na ja, alle finden mich seltsam, aber ich bin nicht – tot!«
Sie verschränkt die Arme. »Untot, wenn ich bitten darf!«
Ihre Augen weiten sich. »Ghuldreck! In deiner Haut möchte ich nicht –«, sie verstummt und lächelt entschuldigend. »Du wirst sehen, untot sein ist gar nicht so übel.«
Eine grobe Pranke schiebt Lilith beiseite. Ihr Vater baut sich vor Eliot auf.
»Du! Kommst hier her, schnüffelst herum!«
Sein Blick fällt auf den Androiden unter der Trockenhaube, der gerade in einer Zeitschrift blättert und jede Wut weicht aus seinem Gesicht. Die elektrischen Augen betrachten ihn aufmerksam.
»Das hast du getan. Du beherrscht die Geister der Maschine? Die obszönen finsteren Mächte der Elektrizität?«
»Na ja«, Eliot zuckt mit den Schultern. »Mit Computern kenne ich mich aus.«
Rapprowe deutet hinauf zur Tür und entblößt in einem breiten Lächeln blitzende Fangzähne. »In mein Büro. Bitte.«
Lilith bleibt am Kopf der Treppe stehen, und wirft einen letzten Blick zurück. Ein leises Wimmern dringt aus dem rostigen Käfig des fetten Jungen.
Sie schmunzelt, bleckt ihre Fangzähne und zieht die Tür zu.


More Creators